DigiPEER
Digitalisierung großformatiger Pläne und technischer Zeichnungen zur Erfassung und Erschließung des Raums
Vier Archive von Instituten der Leibniz-Gemeinschaft erschließen mit dem Gemeinschaftsprojekt DigiPEER prototypisch rund 20.000 Pläne und technische Zeichnungen und stellen diese im Internet zur Verfügung. Das Projekt wurde im SAW-Verfahren 2010 von der Leibniz-Gemeinschaft bewilligt (Laufzeit 01.01.2010 - 31.12.2012). Projektpartner sind die Archiveinrichtungen des Deutschen Museums München, des Deutschen Schiffahrtsmuseums Bremerhaven, des Deutschen Bergbaumuseums Bochum sowie des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung Erkner.
Anknüpfungspunkte für die Forschung ergeben sich vor allem zu neueren Ansätzen in der Technikhistoriografie, die sich mit der Visualisierung technischen Wissens befassen. Hier wird das Projekt den Horizont der Forschung wesentlich erweitern helfen. Im weiteren Sinne werden technik- und planungsgeschichtliche Quellenbestände zu sehr unterschiedlichen Raumdimensionen und Raumskalen sowie zu vielfältigen Konzepten und Praktiken der Raumaneignung verfügbar gemacht:
- Erschließung des Weltraums durch das frühe deutsche Raketenprogramm
- Erschließung der Meere durch den technischen Fortschritt im Schiffsbau
- Transformation von Landschaften und Erschließung von Bodenschätzen
- Architektonische und planerische Gestaltung von Städten und Regionen
Die großformatigen Archivalien werden in einem neu konzipierten Verfahren der Forschung und interessierten Öffentlichkeit im Internet zur Verfügung gestellt. Auch bei der Digitalisierung werden wegweisende Standards entwickelt.
Grundlegendes Ziel des Projekts ist es, am Beispiel der Quellengattung "Pläne und technische Zeichnungen" die Potenziale einer kooperativen Digitalisierung und des "Sammelns im Verbund" durch Archiveinrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft exemplarisch zu demonstrieren.
Raumkonzepte und Raumbezüge im SAW-Projekt "DigiPEER"
Die zu digitalisierenden Bestände thematisieren sehr verschiedene räumlicher Dimensionen – von Einzelgebäuden und architektonischen Ensembles über Landschaften und Regionen bis hin zu den Meeren und dem Weltraum.
Mit dem im Folgenden skizzierten, im Rahmen des Gesamtprojektes kleinen, aber wichtigen "raumwissenschaftlichen Baustein" sollen die Raumbezüge der Quellen herausgestellt und die einschlägige Forschung auf ihre Fruchtbarkeit für raumhistorische Fragestellungen aufmerksam gemacht werden. Die hier versammelten Texte sondieren die dabei auftretenden Fragen und Herausforderungen und formulieren erste Arbeitshypothesen. Für die Zukunft geplant sind neben der Veröffentlichung von weiteren Positionspapieren auf der Website ein interner Workshop im Herbst 2011 sowie die Gestaltung einer Sektion auf der Schlusskonferenz des Projektes mit anschließender Veröffentlichung, möglichst als Themenschwerpunkt in einer Zeitschrift.
Zwischen Forschungsdiskursen im "Spatial turn" und der Digitalisierung von Quellenbeständen: Herausforderungen im Projektkontext
Die Raumbezüge der zu digitalisierenden Quellenbestände scheinen auf der Hand zu liegen, doch wurden sie bisher von der Forschung weitgehend vernachlässigt, so dass auch kaum methodische Vorarbeiten vorliegen. Bei näherer Betrachtung besteht eine doppelte Kluft zwischen dem zunehmend lebhaften, eher theoretisch-konzeptionell orientierten transdisziplinären Forschungsdiskurs einerseits, den nicht sehr zahlreichen empirischen Untersuchungen andererseits sowie den Strategien der archivarischen Quellenerschließung. Um diese Kluft zu schließen und die Fruchtbarkeit der Quellen für raumhistorische Fragestellungen aufzuzeigen, soll der Stand der raumwissenschaftlichen Debatte schlaglichtartig skizziert und von dort ein Bogen zu den Quellen geschlagen werden.
Insgesamt sind zweifellos die bis vor kurzem vielfach beklagte "Raumblindheit" sozial- und geschichtswissenschaftlicher Forschung1) sowie reduktionistische Vorstellungen vom Raum als "Container", der praktisch unbewegt die soziale Welt umrahmt, in neuerer Zeit zurückgegangen. Zu den Leitdisziplinen der aktuellen, vorwiegend theorieorientierten Diskurse zählen die Geographie und die Raumsoziologie.2) Wichtige Wegbereiter in Richtung des inzwischen vorherrschenden "relationalen" Raumbegriffs, bei dem Räume als sozial konstruiert aufgefasst und statt physisch-geographischer Parameter soziale Beziehungen und Sinnbezüge als raumkonstituierend betrachtet werden, waren unter anderem Henri Lefebvre, Michel Foucault und in Deutschland Martina Löw und Bruno Werlen.3) Detlev Ipsen steuerte den Ansatz der "Raumbilder" bei4), Raumbezüge von Technik werden aktuell in dem disziplinübergreifenden Graduiertenkolleg "Topologie der Technik" an der TU Darmstadt ausgeleuchtet.5) Geschichtswissenschaftliche Forschungen thematisierten Raumbezüge bisher primär im Rahmen karthographie-6), technik-7), stadt-8) und architektur- bzw. planungsgeschichtlicher Untersuchungen sowie jüngst in Arbeiten zur Geschichte der Raumplanung.9)
Raumbezogene Fragen in stadt- und technikhistorischen Forschungen
Am Beispiel der Stadt- und der Technikgeschichte lässt sich eine erste grobe Sichtung einiger leitender Fragestellungen und Raumbezüge in diesen historischen Teildisziplinen vornehmen. Was die Stadtgeschichtsforschung betrifft, so hat sie vielfach bestimmte Raumausschnitte, das heißt städtische Teilräume wie etwa zentrumsnahe oder suburbane Gebiete untersucht, in denen sich historisch sozial problematische, planerisch vorbildliche oder in anderer Hinsicht paradigmatische Entwicklungen vollzogen. Nicht selten sind und waren die Fragestellungen und Ansätze der Stadtsoziologie entlehnt, so z.B. zu Prozessen des Stadtwachstums oder der Segregation. In jüngster Zeit werden vermehrt auch Raumbilder, Images und Strategien des Stadtmarketings untersucht.10) Neuere Ansätze transzendieren teilweise die einzelne Stadt und untersuchen z.B. überregionale Städte- und Expertennetzwerke, die Zirkulation stadtpolitischer Konzepte usw.
Die Analyse der Geschichte von infrastrukturellen Netzen stellt statt flächenbezogener die linienförmigen Raumstrukturen zentral. Sie bewegt sich häufig im Schnittpunkt von Stadt- und Technikgeschichte11), geht jedoch räumlich auch weit darüber hinaus.12) Im engeren Sinn technikgeschichtliche Arbeiten untersuchen häufig die Genese bestimmter Technologien oder Innovationsprozesse sowie die Raumbezüge von Artefakten, mobilen "Vehikeln" aller Art, Instrumenten usw. Dabei wird auch den mit den Artefakten verbundenen Praktiken des sozialen Gebrauchs sowie Sinnbezügen im Raum zunehmend mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Raumbezüge werden zum Beispiel als Verkehrs-, Explorations- oder Ressourcenräume konzeptualisiert.
Quellenbestände und –interpretation in stadt- und technikhistorischen Forschungen mit Raumbezug
Zu den Quellenbeständen, die in den einschlägigen Forschungen besonders häufig verwandt werden, gehören verschiedenen Typen von Bildquellen, darunter z.B. Karten, Pläne, Skizzen, Bau- und Konstruktionszeichnungen. Diese Bildquellen werden vielfach - und je nach Teildisziplin in unterschiedlichem Maße - im Verbund mit Schrift- und anderen Quellen ausgewertet13) und damit kontextualisiert. In jüngerer Zeit werden vermehrt auch die Genese oder Gattungsgeschichte einzelner Typen von Bildquellen und der Wandel ihrer medialen Funktionen sowie damit verbundene Änderungen gesellschaftlicher Raumbezüge analysiert, so etwa von Karten als Instrumenten der Raumbeherrschung. Je nachdem, ob Pläne und Skizzen in historischen Prozessen eher als Werkzeuge der Naturaneignung betrachtet oder als mediale Konstrukte und potentielle "Raumbildner" untersucht werden, ändern sich Fragestellungen und Interpretationsmodi.
Potentiale der in DigiPEER erfassten Quellen für raumhistorische Fragestellungen – erste Arbeitshypothesen
Bei der Interpretation von Quellen wie den im DigiPEER-Projekt erfassten Beständen folgt die Forschung häufig bestimmten Paradigmen. Zu den eher traditionellen Paradigmen der Interpretation, etwa der historischen Rolle von Karten und Plänen, gehören z.B. das "Entdeckungsparadigma" der Erfassung unbesiedelter Räume, das "Erschließungsparadigma" der zunehmend schnelleren Durchquerung, effektiveren Zurichtung oder Ausbeutung von Räumen sowie das "Wohlstandsparadigma" des sozialen Fortschritts durch Raumaneignungen. Neuere Ansätze akzentuieren die damit verbundene Kolonisierung und Unterwerfung von Menschen in Machtverhältnissen und heben mediale Vorgänge wie z.B. die Imagebildung von Räumen sowie Prozesse sozialer Disziplinierung hervor.
Als erster Schritt zur Analyse der Qualität und Reichweite der in den Quellenbeständen thematisierten Raumbezüge (u.a. "Skalierung") bietet sich deren typologische Charakterisierung und Einordnung in Kontrast zu anderen Quellen an. Die Erfassung eines in der Quelle dargestellten Gegenstandes, z.B. eines Messinstruments, und seiner jeweiligen praktischen gesellschaftlichen Funktion, seines Zwecks und seiner Handhabung deckt weitere Raumbezüge sowohl des dargestellten Objektes wie der damit verbundenen sozialen Praxen, Intentionen und Strategien auf. In einem erweiterten analytischen Rahmen lassen sich bei Karten deren selektierende und möglicherweise imageprägende Wiedergabe von Räumen oder ihre instrumentelle Benutzung zur Exploration von Räumen (Typ "Wanderkarte", "Schatzkarte" u.ä.) diskutieren.
Zwischenfazit
Die hier unternommene Exploration der raumwissenschaftlichen Potentiale der zu erschließenden Quellenbestände versteht sich als erster Schritt, dem weitere – unter Einbeziehung raumwissenschaftlich arbeitender Kolleginnen und Kollegen – folgen werden. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine raumwissenschaftlich qualifizierte Charakterisierung und exemplarische Interpretation der in DigiPEER digitalisierten Quellenbestände auf einem relationalen und dynamischen Raumbegriff aufbauen, auch z.B. flüchtige Raumbezüge erfassen sowie die "raumkonstruierende" Rolle von Quellen, insbesondere Karten, als Medien der Veränderung von Räumen einbeziehen sollte. Die hier explorativ zusammen gestellten möglichen analytischen Schritte zur Erfassung der Raumbezüge gilt es, angepasst an die durchaus unterschiedlichen Quellentypen der vier Projektpartner und deren Integration, zu systematisieren. Mit den oben bereits angesprochenen weiteren Arbeitsschritten im Projekt (interner Workshop, Positionspapiere für die Internetseite, raumwissenschaftliche Sektion auf der Abschlusskonferenz sowie Veröffentlichung) sollen diese Ziele erreicht werden.
- 1) Vgl. etwa Christoph Conrad: Vorbemerkung, in: Geschichte und Gesellschaft Heft 3 (2002), S. 339-343 und die weiteren Beträge zum Themenschwerpunkt "Mental Maps" ebd..
- 2) Vgl. Martina Löw: Raumsoziologie. Frankfurt am Main, 2001; Benno Werlen: Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen, Band 3: Ausgangspunkte und Befunde empirischer Forschung, Stuttgart 2007.
- 3) Vgl. FN 2.
- 4) Detlev Ipsen,: Raumbilder. Kultur und Ökonomie räumlicher Entwicklung, Pfaffenweiler 1997.
- 5) http://www.ifs.tu-darmstadt.de/index.php?id=gradkoll-tdt
- 6) Christof Dipper/Ute Schneider: Kartenwelten. Der Raum und seine Repräsentation in der Neuzeit. Darmstadt 2006.
- 7) Mikael Hård / Thomas J. Misa (eds.): Urban Machinery. Inside Modern European Cities, Cambridge, Mass.: MIT Press 2008.
- 8) Ralf Roth (Hrsg.): Städte im europäischen Raum. Verkehr, Kommunikation und Urbanität im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 2009.
- 9) Ariane Leendertz: Ordnung schaffen. Deutsche Raumplanung im 20. Jahrhundert, Göttingen 2008.
- 10) Thomas Biskup/Marc Schalenberg (Hg.): Selling Berlin: Imagebildung und Stadtmarketing von der preußischen Residenz bis zur Bundeshauptstadt, Stuttgart 2008.
- 11) Marcus Stippack: Beharrliche Provisorien. Städtische Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in Darmstadt und Dessau 1869-1989, Münster u.a. 2010.
- 12) Dirk van Laak: Imperiale Infrastruktur. Deutsche Planungen für eine Erschließung Afrikas (1880-1960), Paderborn 2004.
- 13) So ziehen erfahrungsgemäß bei der Bearbeitung des gleichen Themas Kunst- und Architekturhistoriker deutlich häufiger Bildquellen heran als Allgemeinhistoriker, deren primär philologische Ausbildung sie zumeist stärker auf Schriftquellen zurückgreifen lässt.









